Belämmert
PDF herunterladen"Ist dir schon einmal etwas kaputtgegangen, das dir wertvoll war?"
Eine Freundin bekam kürzlich eine schöne, große Vase geschenkt. Ihr Kater stieß sie jedoch mit einer beiläufigen Pfotenbewegung vom Wohnzimmerregal. Die stolze Vase zersprang in etliche Teile. Mühsam geklebt, steht sie nun wieder auf dem Regal, allerdings absichtlich so zur Wand gedreht, dass niemand das große Loch auf der Rückseite sieht.
Das weckt eine leise, unbequeme Frage: Wo drehen wir uns eigentlich zur Wand? Wo verstecken wir unseren eigenen Zerbruch vor der Welt, aus Angst, wir könnten durch unsere Risse an Wert verlieren?
Die japanische Kunst des "Kintsugi" (übersetzt: Reparieren mit Gold) geht einen völlig anderen Weg: Zerbricht ein wertvolles Gefäß, werden die Scherben nicht weggeworfen. Sondern ein Meister fügt sie mit golddurchsetztem Lack behutsam wieder zusammen. Das Gefäß ist danach nicht makellos oder "wie neu". Die Risse werden nicht vertuscht, sondern Teil des Gefäßes. Genau dieser geheilte Zerbruch macht sie schöner und kostbarer als je zuvor.
Ganz ähnlich verhält es sich mit dem stillen Geheimnis der Ostertage. Der Zerbruch der Welt, unser Leid, unsere Scham, unsere Schuld – die Dinge mit denen wir so oft wie "belämmert" dastehen – werden an Karfreitag nicht beschönigt oder heimlich in einem tiefen Loch vergraben. Im Gegenteil: All das wird an einem hohen Kreuz, oben auf einem Hügel, für alle sichtbar gemacht. Gott sieht auf Golgatha der ungeschönten Realität ins Auge und hält unseren tiefsten Rissen stand.
Er überlässt uns aber nicht unseren Scherben. Ostern ist seine Antwort auf den Zerbruch. Er nimmt das Kaputte in die Hand und gibt uns eine neue Gestalt. Das bedeutet nicht, dass unsere Wunden oder Fehler an sich schön wären. Zerbruch tut weh. Aber Ostern zeigt: Das Kaputte ist nicht das Ende. Gott füllt unsere Risse mit seiner vergebenden Liebe wie mit flüssigem Gold. Unsere Narben verschwinden nicht durch Magie, sie gehören zu unserer Geschichte. Doch durch Gottes Eingreifen erzählen sie nicht mehr von Zerstörung, sondern von seiner Heilung.
"Ist dir schon einmal etwas kaputtgegangen, das dir wertvoll war?"
Ostern gibt darauf eine himmlische Antwort: Wir selbst sind dieses wertvolle Gefäß. Wenn wir zerbrechen, verlieren wir für Gott nicht an Wert. Wir müssen unsere Risse nicht länger ängstlich zur Wand drehen. Nicht, weil unsere Makel an sich so toll wären, sondern weil Gottes Gnade uns zusammenhält und aus unseren Bruchstücken etwas Neues formt.
Herzlich,
Elias Heizmann

